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24h in Posen

Im November haben meine Mädels und ich mal wieder die Koffer gepackt und das Großstadtleben für ein Wochenende hinter uns gelassen. Wenn die Bäume erst einmal ihre Blätter fallen gelassen haben, die Weihnachtsmärkte aber noch nicht geöffnet sind sodass man sich das graue Beton-Berlin auch noch nicht sozial akzeptiert schöntrinken kann, fällt mir hin und wieder die Decke auf den Kopf. So ein Tapetenwechsel ist da meistens die beste Kur und lässt sich glücklicherweise auch ganz easy am Wochenende einschieben. Wir haben uns dieses Mal für einen Kurztrip ins polnische Posen entschieden. Polens fünftgrößte Stadt Poznań hat neben traumhaften pastellfarbigen Häuserfassaden historisch ganz schön was auf dem Kasten und wäre 2016 sogar fast Kulturhaupstadt geworden. In diesem Reisebericht findet ihr meine persönliche Highlight, mit denen sich 24 Stunden in Posen perfekt füllen lassen.

Häuserfassaden in Posen

Die Anreise

Von Berlin aus liegt der Osten ja zum Glück sehr nah, allerdings hat sich unsere Anreise als komplizierter als gedacht herausgestellt. Eigentlich wollten wir Samstag morgens den Zug von Berlin nach Frankfurt Oder und von da aus weiter nach Posen nehmen. Aufgrund von Gleisarbeiten (angeblich seit Wochen bekannt, hat von uns aber natürlich niemand mitbekommen) mussten wir allerdings einen Umweg über das Ostkreuz und Erkner (wer kennt es nicht) auf uns nehmen, was wir leider erst am Hauptbahnhof erfuhren und dazu führte, dass wir trotz hektischem Rennen von Gleis zu Gleis unseren Anschlusszug in Frankfurt verpassten. Das Resultat war ein unfreiwilliger zweistündiger Aufenthalt in Frankfurt Oder. Gottseidank hatten wir genug Frühstück und Sekt (vor allem Sekt) im Gepäck, um die ungeplante Unterbrechung in einen fantastischen Zwischenstopp am Ufer der Oder umzuwandeln. Korrigiert mich gerne, aber abgesehen vom Flussufer habe ich leider nicht besonders viel von Frankfurt gesehen, dass empfehlenswert wäre, es sei denn, man interessiert sich für von Trinkhallen gesäumten, ansonsten aber ziemlich ausgestorbenen Einkaufsmeilen. Nachdem wir dann endlich angeschwippst den nächsten Zug erwischt hatten (was sich ebenfalls als relativ schwieriges Unterfangen herausgestellt hat, da der Zug natürlich von einem anderen Gleis als ausgeschildert abfuhr und wir zitternd 20 Minuten lang bei Google Maps verfolgen mussten, ob wir tatsächlich Richtung Polen fahren), kamen wir gegen Nachmittag endlich in Posen an.

Marktplatz in Posen

Nachmittag & Abend oder auch: Essen in Posen

Wir hatten ein hübsches, typisch polnisch eingerichtetes Airbnb am oberen Ende der Altstadt, das von der Lage her nicht besser hätte sein können. Durch die Verspätung konnten wir natürlich keine weitere Sekunde verstreichen lassen, haben nur kurz unsere Sachen in die Wohnung geworfen und uns auf Erkundungstour gemacht. Die Altstadt Posens ist nicht nur zuckersüß, sondern auch winzig klein, sodass man jeden Winkel innerhalb von ein paar Stunden gründlich erkunden kann. Wir haben uns erst einmal auf zum mittig liegenden alten Marktplatz gemacht, der mit seinen bunten Häuserfassaden an einen überdimensionalen Spielzeugladen erinnert. Dank der zwei Hektar Fläche ist der Markt ganz schön imposant und lädt zum Flanieren ein.

marktplatz posen

An den Seiten des Platzes befinden sich unzählige Restaurants und Bars, die spartentechnisch etwa von kitschiger Mexikaner bis urige polnische Brauerei reichen. Ausgehungert haben wir erst einmal ein paar leckere Piroggen in einem kleinen Café namens Pyszna gefuttert und ein bisschen Bier geschlürft. Dies war auch der Moment unseres ersten Preisschocks: Wahrscheinlich ist das jedem außer mir klar, aber Polen ist wirklich unfassbar günstig! Da es draußen bereits kalt, nass und eklig war und wir uns in Anbetracht des günstigen Wechselkurses plötzlich geradezu reich vorkamen, steuerten wir das nächste, super gemütlich eingerichtete Café an, das wir finden konnten: Das Chimera lag gleich bei unserem Apartment und hat uns die nächste Tatsache offenbart, die mir über Polen bislang unbekannt war. Polen mögen Tee. Und zwar in so einem Ausmaß, dass Tee trinken oft mit einer eigenen Tee-Karte und unzähligen Varianten zelebriert wird. Als Tee-Fan seit meiner jüngsten Kindheit finde ich das ganz hervorragend, noch attraktiver als die Tee-Karte war zu diesem Zeitpunkt allerdings die des Weins. Mit einem Preis von ca. zwei Euro pro Glas (!!) war die Getränkefrage schnell geklärt, und so machten wir es uns in dem schummrigen Café zwischen Pflanzen und Vintage-Ambiente auf plüschigen Sofas mit etwas Rotwein gemütlich.

Zwei Flaschen später waren die Piroggen bereits aus Magen und Hirn verdrängt und wir auf der Suche nach einer netten Lokalität in der Altstadt, um etwas größeres zu Essen zu finden, das unserem Wein-Konsum gerecht wurde. Nachdem wir aus verschiedenen Restaurants zum Teil wieder rückwärts rausgelaufen waren, weil sie dann in echt doch nicht so nett aussahen wie auf Tripadvisor, hatten wir die Auswahl nach einer Weile auf zwei Alternativen reduziert, die beide mit polnischer Küche lockten: Das supermoderne Bulwar und das traditionelle Wiejskie Jadło. Letztlich entschlossen wir uns für letzteres, das in einem kleinen Gässchen gleich ab vom Marktplatz lag, und wurden nicht enttäuschend: Es war urig, herzlich und polnisch, sprich, genau was wir wollten. Mit Borscht, Gans und Vodka in rauen Mengen zu einem ausgezeichneten Preis-Leistungsverhältnis waren unsere Bäuche schnell gefüllt, unsere Blutwerte ruiniert und wir sehr zufrieden. Zwischenfrage: Hat wer von euch zufällig schon einmal das Bulwar ausprobiert? Das ist nämlich mein To Do für den nächsten Posen-Trip.

Nach dem Essen haben wir das einzige getan, dass nach deftigen Mahlzeiten angebracht ist: Konsum alkoholischer Getränke. Die Posener Altstadt bietet tatsächlich einige Bars, allerdings entsprechen viele davon nicht unbedingt den etwas verwöhnten Ansprüchen des Durchschnittberliners, der es ja gerne etwas hipper hat (Marke „Dorfdisko“). Entsprechend eignet sich Posen super für eine Kneipentour, bei der man nach der Verköstigung eines Herrengedecks auch schon wieder aus der Bar herausstolpert. Zwei Perlen sind mir allerdings im Hinterkopf hängengeblieben, zum einen das Czupito, dass mit einer unzähligen Variationen an Shots mit animierenden Bezeichnungen wie Harry Potter oder Teletubbies für 5 Złoty überzeugt (das ist ein wenig mehr als ein Euro. Ein Euro!!!) und das Tequilarnia, wo Cocktails in gläsernen Totenköpfen serviert werden (mein 13-jähriges Ich wäre so beeindruckt). Ihr könnt euch vorstellen, dass wir sehr glücklich nach Hause gestolpert sind.

Morgens und Mittags in Posen oder: Der Kampf der Ziegenböcke

Am nächsten Tag hatte sich der Regen glücklicherweise gelegt und uns einen wunderschönen, sonnigen, wenn auch eisigen Tag geboten. Leicht katerig steuerten wir zunächst unsere Frühstücks-Location an, das absolut magische Weranda Caffe. Selbst in Berlin habe ich selten so eine liebevolle Dekoration gesehen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn jede Sekunde ein Einhorn zwischen den Blumensträußen, aufwändigen Deckendekorationen und verspielten Vintage-Möbeln hervorgehüpft wäre. Nicht zuletzt wegen der Harry Potter Referenz auf dem Außenschild (s. Bild)

weranda caffe in posen

Neben leckeren Sandwiches und noch besseren Pancakes mit Feigen und Bacon, hatten wir hier wieder eine einzigartige Tee-Erfahrung. Spezialität des Hauses ist, zum Tee Marmelade in entzückenden Töpfen zu servieren, die man dann mit dem Tee verschmischt. Vielleicht lag es am Kater, aber das Weranda Caffe ist wohl eins der tollsten Cafés, in dem ich je war. Da wir nicht die einigen waren die das so gesehen haben, empfehle ich, unbedingt zu reservieren!

Tee im Weranda Caffe

Pünktlich fertig waren wir nach dem Frühstück bereit für das touristische Mega-Highlight in Posen: Den Kampf der zwei Ziegenböcke. Jeden Tag um 12 Uhr fahren oberhalb des Uhrwerks am Rathaus auf dem Marktplatz zwei Ziegenböcke hervor, die einander zu einer imposanten Musik in die Hörner stoßen. Spektakulärer als dieses Spektakel sind allerdings die Touristenmassen, die sich dazu auf dem kleinen Platz vorm Rathaus versammeln und dicht aneinander gedrängt gen Himmel starren sowie die Begeisterungsstürme, die der Ziegenkampf damit auslöst. Nur um das klarzustellen: Wir waren natürlich mittendrin.

rathaus posen

Warum die Ziegenböcke eigentlich die Hörner ineinander stoßen, ist nicht ganz klar. Eine Legende besagt, dass zu den Feierlichkeiten des neu gebauten Rathausturms der geplante Rehkeulenbraten vom abgelenkten Küchenjungen unbeaufsichtigt sich selbst überlassen wurde und daraufhin verkohlte. Als Ersatz schnappte er sich dann zwei Ziegenböcke von einer nahgelegenen Wiese, die allerdings in Anbetracht ihres bevorstehenden letzten Stündleins auf den Turm flohen und dort vor der versammelten Festgemeinschaft ihren kleinen Kampf austrugen. Ganz zum Amüsement des Bürgermeisters, der das sich ihm darbietende Schauspiel im Mechanismus der Uhr verewigen ließ. Eine andere Legende besagt, dass die Bürger Posens nachts von zwei kämpfenden Ziegen geweckt wurden und dadurch wiederum auf ein Feuer aufmerksam wurden, dass unbemerkt vermutlich die gesamte Stadt zerstört hätte. Nur so, mein Favorit ist Story eins. Wer keinen Spoiler-Alert scheut, kann sich das große Ereignis in folgendem aufwändig produzierten Video anschauen:

Nachdem die Ziegenböcke ausgekämpft hatten, haben wir den frühen Nachmittag genutzt, um noch etwas Sightseeing bei Tageslicht zu betreiben. Neben dem hübschen Marktplatz und den kleinen Gassen, die allesamt sehr hübsch anzusehen sind, gibt es das Posener Königsschloss, das westlich vom Marktplatz liegt und einen netten, wenn auch nicht überragenden Blick über die Dächer Posens bietet. Natürlich wollten wir auch mal schauen, was uns abseits der zauberhaften Altstadt erwartet. So viel sei gesagt: Viel Zauberhaftes kam da nicht mehr, zwei Highlights gab es aber noch. Beim Verlassen des Altstadtkerns Richtung Westen steuert man auf das Königliche Residenzschloss, auch Kaiserschloss oder auf polnisch Zamek Cesarski zu. Das von Kaiser Wilhelm II. Anfang des 20. Jahrhunderts erbaute Schloss wurde im zweiten Weltkrieg von Adolf Hitler zu einer mehr oder weniger repräsentativen „Führerresidenz“ ausgebaut und ist heute ein Kulturzentrum. Aufgrund seines neoromantischen Stils ist es nicht unbedingt mein Geschmack, aber doch ein ziemlich geschichtsträchtiger Ort.

Kaiserschloss Posen

Insgesamt hat Posen historisch ganz schön viel mitmachen müssen. Als Stadt unter deutscher Besetzung war vor allem die polnische Bevölkerung im zweiten Weltkrieg schrecklichem Terror durch die Deutschen ausgeliefert, unter denen viele Polen ermordet, vertrieben oder deportiert wurden. In Posen wurden die Posener Geheimreden gehalten, in denen die Vernichtung der europäischen Juden vor ausgewähltem Publikum konkret von Heinrich Himmler ausgesprochen wurde. Auch die Schlacht um Posen, in der zum Ende des zweiten Weltkriegs die Wehrmacht von der roten Armee geschlagen wurde, hat die Stadt ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Nicht nur wurde die Altstadt zu 75 % zerstört, die Schlacht forderte auch viele Todesopfer. Vor diesen Tatsachen machte der Sightseeing-Trip durch Posen mich ziemlich betroffen und nachdenklich, weshalb die düstere historische Vergangenheit nicht ausgelassen werden soll.

Abschließend haben wir noch eine Runde nach Osten gedreht, wo auf der Dominsel die erzbischöfliche St.-Peter-und-Paul-Kathedrale liegt, auch Posener Dom genannt. Als älteste Kathedrale Polens hat der Dom unter anderem ein Feuer und mehrere Kriege erleiden müssen und ist Grabstätte mehrerer christlicher Herrscher und Könige der Piastendynastie. Wer Kirchen spannend findet, sollte einen Blick hinein werfen. Mit ihren bunten Kirchengläsern, 12 Kapellen und 2 Sakristeien hat man ganz schön was zu gucken. Highlight war die Kapelle, die nur durch eine kleine Spende von einem Euro beleuchtet werden konnte. Das ist „Kerzen-Anzünden“ auf ganz neuem Niveau.

So schnell waren 24 Stunden in Posen dann auch schon rum. Abgesehen von der Anreise und einem länger als gedacht andauernden Rückweg, dessen Schilderung hier den Rahmen sprengen würde (vielen Dank noch einmal an Taxifahrer Ulf!), war der Trip rundum gelungen. Posen ist eine prima Stadt für einen Kurztrip, ist bestimmt auch im Sommer sehr nett und kann auch super kombiniert werden mit einer Fahrt an die polnische Ostsee oder nach Warschau. Nächstes Mal komm ich dann aber lieber mit dem Auto.

Wart ihr schon einmal da? Wie hat es euch gefallen oder welche Tipps habt ihr? Ich freu mich über eure Kommentare!

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